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Wolfgang Tragseiler :: love sequences

Wolfgang Tragseilers temporäre Intervention „love sequences“ beschert den PassantInnen einer Innsbrucker Fußgängerzone magische Momente.

Zwei willkürlich ausgewählte Personen, die sich auf dem Gehsteig aufeinander zubewegen, durchleben den Genuss filmischer Liebe mit einem fremden Gegenüber. Wie aus Hollywoodfilmen bekannt, wird durch sich in der Intensität steigernde Licht- und Soundregie großes Gefühl suggeriert, das ein überhöhtes Idealbild erzeugt. Auf witzige Art und Weise wird durch love sequence die Diskrepanz zwischen Realität und Fiktion verdeutlicht. Vielleicht finden aber doch der eine oder die andere zueinander, die sich im „wirklichen“ Leben nie getroffen hätten?
Ort: Maria-Theresien-Straße, Innsbruck, Höhe Buchhandlung Tyrolia
Dauer: 30. Jänner – 10. Februar 2015, täglich von Einbruch der Dunkelheit bis 22.00

Dokumentation love sequences


http://www.tragseiler.com/


Sponsoren: IKB, Land Tirol, Stadt Innsbruck, Concept Solutions, Felbermayr Transport- und Hebetechnik GmbH & Co KG, FLIR, Strukt, Tyrolia
Dank an: Prof. DI Christian Aste, Dr. Alexander M. Pflaum
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© Daniel Jarosch
Love Sequence von Wolfgang Tragseiler
Close-ups von schmachtenden Gesichtern, intensive Blicke, unmittelbare Emotionen überhöht durch theatralische Lichteffekte und romantische Musik – das sind die dramaturgischen Stilmittel, wie wir sie aus romantischen Komödien und Melodramen kennen. Prototypisch für das Genre Liebesfilm ist alles, was hemmungslos auf die Emotionalisierung des Publikums abzielt. und die Zuseher_innen sind nicht nur darauf konditioniert, diese konventionalisierten Formen und Muster zu identifizieren, sondern sehnen sich sogar danach. Sie tun dies in vollem Bewusstseins, dass es sich um Idealtypen handelt, die durch den Einsatz dramaturgischer Mittel generiert werden, und der Realität selten entsprechen. Dennoch bewirkt es Gefühle von Romantik bei den Zuseher_innen – ein Phänomen, für das der Philosoph Robert Pfaller den Begriff er Interpassivität geprägt hat, das heißt das Delegieren von Genuss an Dritte. Das gilt für Film und Fernsehen ebenso wie für soziale Netzwerke, die es uns ermöglichen tatsächliche soziale Interaktion auf interpassive Verhaltensweisen zu reduzieren.
Mit Love Sequence hat Wolfgang Tragseiler eine temporäre Installation entwickelt, die das prototypische Setting eines Liebesfilms in den öffentlichen Raum transferiert. Mittels Tracking-System und Wärmebildkameras werden zwei beliebige Passant_innen, die auf der Straße einander entgegenkommen, ausgewählt. Vier Scheinwerfer, deren „schmeichelnde“ Lichtkegel den beiden Personen folgen, werden aktiviert, aus versteckten Boxen ertönt „romantische“ Musik – eigens für diesen Anlass komponiert. Das Ansteigen der Lautstärke verstärkt die Dramatik dieses Moments, doch kurz bevor die beiden Personen tatsächlich aufeinander treffen, bricht die Inszenierung abrupt ab.
Die grundlegende Manipulation dieser Inszenierung besteht in der Übertragung einer vornehmlich privaten und intimen Situation in den öffentlichen Raum, auf Personen, die sich ihrer Rolle zunächst nicht bewusst sind. Die passive und objektive Wahrnehmung der Film- oder Fernsehzuseher_innen wird durch die Teilhabe an einer „unfreiwilligen Performance“ in eine partizipative, subjektive verkehrt. Love Sequence stellt die Fiktion anhand der Realität auf die Probe; generieren die Techniken filmischer Illusion auch in Wirklichkeit Gefühle und Empathie, wie sie uns die Film glauben machen? Natürlich führt die Dramaturgie dieses weniger vom Schicksal als von der Technologie veranlassten Aufeinandertreffens von zwei Menschen nicht zu jenen Reaktionen, von denen uns
üblicherweise die Filmindustrie durch den Einsatz solch dramatischer Effekte zu überzeugen versucht. Diese Illusion wird entlarvt bzw. unser Glaube daran entkräftet. Mit Sicherheit folgt kein Kuss oder Liebesgeständnis, sondern höchstens ein Moment der Irritation, ein Innehalten in der Bewegungsdynamik der beiden unfreiwilligen Protgonist_innen. Möglicherweise sehen sie sich fragend an oder empfinden so etwas wie Komplizenschaft aufgrund dieser unerwarteten Situation, die sie teilen. Auf alle Fälle entsteht ein Raum, der ein Potenzial für Kommunikation und Interaktion öffnet.
Der Öffentliche Raum hat sich zusehends eben von jenem Ort der Kommunikation und Interaktion zu einem Transitraum entwickelt. Häufig hasten wir von einem Punkt zum nächsten ohne unsere Umgebung noch aktiv wahrzunehmen. Verstärkt wird diese Tendenz noch durch den Gebrauch von Smartphones oder ähnlichen Gadgets, die uns zwar den permanenten Kontakt zum Internet und zur virtuellen Realität der Sozialen Medien garantieren, aber unsere Aufmerksamkeit von der uns umgebenden realen Welt abziehen. Wir ziehen diese „neuen Öffentlichkeit“ des Internets, wo sich unsere sozialen Aktivitäten auf das Anklicken des Like Buttons reduziert zu haben scheinen, dem sozialen und politischen Handlungsspielraum einer tatsächlichen Öffentlichkeit vor. Infolge der Sicherheitsdiskussion in den Westlichen Ländern und der fortschreitenden Technisierung breitet sich eine erschreckende Internalisierung von Überwachungsimperativen im Bezug auf den virtuellen ebenso wie auf den öffentlichen Raum aus. Unter dem Vorwand, „Sicherheit“ zu gewährleisten, sind wir permanenter Überwachung, Kontrolle und Reglementierungen ausgesetzt. Und wir erklären uns freiwillig mit diesen Überwachungsprozeduren einverstanden, indem wir unsere Daten bereitwillig zu Verfügung stellen und die allgegenwärtigen Videoüberwachungssysteme nicht mal mehr registrieren. Ein Umstand, dem Wolfgang Tragseiler mit Love Sequence ebenfalls Rechnung trägt, wenn auch mit einem Augenzwinkern, denn die Technik dieser künstlerischen Intervention basiert zwar auf der von Überwachungssystemen, entwaffnet sie aber buchstäblich, indem sie sie enttarnt und sichtbar macht. In diesem Sinne ist Love Sequence eine Aufforderung, über die Bedingungen des öffentlichen Raumes nachzudenken.
Georgia Holz
Das Projekt wurde am Mittwoch, 04. Februar 2015 um 17.30 im Rahmen einer Midissage präsentiert.

Weblinks:
Ausschreibung 2012